Biografie Gross
WIR ERINNERN AN
- BERTA UND ANNELIESE GROSS
Der Kaufmann Adolf Gross (1875-1920) und seine Ehefrau Berta Gross (geboren 30.8.1885 in Nesselröden (Kreis Eschwege)) kamen 1910 nach Bernburg. Ihre Tochter Anneliese wurde hier am 8.4.1910 geboren. Adolf Gross war zunächst Handlungsgehilfe und spätestens ab 1917 selbständiger Kaufmann im Markt 12/13. Im Adressbuch 1920 ist Adolf Gross als Eigentümer des Hauses Friedrichstraße 17 erwähnt. In dieser noblen Wohnstraße betrieb er einen Textilladen ohne Schaufenster. Aber bereits am 14.11.1920 verstarb er und wurde auf dem Israelitischen Friedhof bestattet. Der Grabstein ist erhalten. Seine Ehefrau betrieb bis ca. 1930 das Geschäft weiter. Einzigartig ist für Bernburg, dass sich die Inschrift der Firma bis heute erhalten hat und aktuell durch den Hauseigentümer erneuert wurde. So kann man unterhalb den Fensterlaibungen im Erdgeschoss lesen: „Herren-Stoffe – Adolf Gross – Damen-Stoffe“.
Berta Gross wird bis zum letzten Bernburger Adressbuch 1938 als Hauseigentümerin geführt. Bis 1936 hatte sie ausschließlich nichtjüdische Mieter. Lt. Volkszählung vom Mai 1939 wohnte aber die jüdische Familie Buchhalter mit drei Personen im Haus. Dies ist ein Hinweis auf den Vollzug der 1939 zum Gesetz erhobenen Verfahren, dass jüdische Familien nur noch in Häusern wohnen durften, die sich in jüdischem Besitz befanden und dort auch keine nichtjüdischen Familien Mieter sein durften. Berta Gross siedelte zwischen Mai 1939 und Dezember 1940 von Bernburg nach Landwerk Neuendorf bei Fürstenwalde (östlich von Berlin) über. Das Landwerk Neuendorf war eines der großen jüdischen Ausbildungseinrichtungen zur Vorbereitung junger Jüdinnen und Juden auf eine Ausreise aus Deutschland. Sie wurden als Hachschara-Camps bezeichnet und zunächst vom NS-Regime geduldet.
Mit ihren zu dieser Zeit 54 oder 55 Jahren war Berta Gross für die Ausbildung zu alt, aber vielleicht war sie eine Zeitlang zusammen mit ihrer Tochter Anneliese dort und blieb auf dem landwirtschaftlichen Gut als Angestellte. 1941 beendete das NS-Regime die Hachschara-Bewegung. Aus dem Landwerk Neuendorf wurde ein Zwangsarbeitslager, aus dem nach und nach die Jüdinnen und Juden in Konzentrationslager und Ghettos deportiert wurden, wo die meisten umkamen. Im Deportationszug am 3. April 1942 in das Warschauer Ghetto befanden sich mit Berta Gross 60 weitere Bewohner Neuendorfs.
Anneliese Gross ist nur einmal im Bernburger Adressbuch verzeichnet – 1932 im Haus ihrer Mutter. Sie war damals 22 Jahre alt und Verkäuferin. Möglicherweise zog sie nach Berlin. Die einzige Spur ist nach derzeitigem Kenntnisstand die Deportation vom 3. März 1943 aus Berlin in das Konzentrations- und Vernichtungslager Ausschwitz. Sie wohnte zuvor in Berlin-Prenzlauer Berg und Berlin-Charlottenburg.
Text: J. Grossert, 8.9.2024
Quellen:
- Bernburger Adressbücher
- Recherchematerial Gedenkstätte Bernburg
- Archiv des Bauamtes der Stadt Bernburg (Saale)
- Bundesarchiv – Gedenkbuch: Annelies Gross
- https://collections.arolsen-archives.org/de/document/11233470
- https://www.statistik-des-holocaust.de/OT420403_Frankfurt12.jpg (Berta Gross)
- Harald Lordick: Landwerk Neuendorf in Brandenburg. – In: Kalomynos 2/2017, S. 7-12 >
https://e-pflicht.ub.uni-duesseldorf.de/periodical/titleinfo/242949
- https://www.statistik-des-holocaust.de/OT33-4.jpg (Annelies Gross)



